Alte Fallen neu aufgestellt…

Es ist Montag. Gemeinsam mit Gertrud fahre ich morgens zum Buchladen um das Schaufenster adventlich umzudekorieren. Gemeinsam geht das ganz gut und bald ist es geschafft.

Nachdem Gertruds Ladendienst zuende ist, übernimmt Anja den Dienst. Wir unterhalten uns und ich merke, dass sie irgend etwas in sich trägt, das zu mir gehört. Ich frage sie, ob etwas zwischen uns steht. Kurz zögert sie. Dann „packt sie aus“. Anja erzählt mir von Situationen, in denen ich mich nicht gut verhalten habe. Ich bin schockiert. „Du reißt alles an dich und jede Information geht an dich. Das sind für mich Machtspielchen.“ Bumm. Das hat gesessen. „Ich hab das Gefühl, ich bin kein vollwertiger Mitarbeiter bei dir. Sondern nur ein Lückenfüller.“ Die nächste Rechte.

Hab ich das tatsächlich getan? Mich tatsächlich so verhalten? Ich bin erschüttert und mir kommen die Tränen. Eigentlich will ich nicht weinen, verdrücke mir die Tränen.

Ich bin froh, dass Anja mir so offen geantwortet hat.

„Wie gehen wir jetzt mit dem Thema um?“, fragt sie mich. Tja. Gute Frage. Wir beschließen, dass Anja mir in Situationen, in denen sie bemerkt, dass ich mich falsch verhalte, direkt einen Hinweis gibt.

Was bedeutet diese Offenbarung aber für mich selbst?

Ich werde das ganze Mitarbeiterteam um Vergebung bitten müssen. Wollen. Sollen. Wie auch immer.

Wie sie wohl reagieren werden? Wütend? Erleichtert? Traurig? Ob sie wohl auf Abstand gehen werden? Oder mich gar rauswerfen?

Es ist die alte Falle, in die ich getreten bin. Manipulation. Rollentausch. Egozentrik. Narzissmus.

Ich muss es ändern. Will es ändern. Werde es ändern.

Neu mache ich mich auf. Neu raffe ich die Röcke und stapfe über die Steine des Alltags.

Ich werde nicht aufgeben! Weiter, weiter, weiter. Wütend stapfe ich innerlich auf. Trotzig sage ich der alten Eva erneut den Kampf an.

Irgendwie fühle ich mich befreit. In der Bibel steht in Johannes 8, 32 》Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien!《

So erlebe und empfinde ich es auch.

Und danke Gott für diese Freiheit.

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Heute ist es sonnig draußen und die Luft ist klar. Ich liebe solche Tage. Mit Schlabberhose und Kuschelpulli klebe ich an der Heizung und beobachte die Welt da draußen.

Vägel sammeln sich in Scharen und bereiten sich auf den Winter vor. Eichhörnchen huschen durch den Garten. Die Fische im Teich gehen auf den Grund und beginnen die Winterruhe. Vereinzelt fliegen noch Bienen herum, auf der Suche nach pollenträchtigen Blumen. Doch auch die Blumen ziehen sich zurück. Bäume färben ihr Laub und lassen es zu Boden fallen.

Als ich ein einzelnes Gänseblümchen sehe frage ich mich, ob es mutig und hart gesotten oder ob es lebensmüde ist. Es wird erfrieren, wenn es sich nicht bald vor der Kälte schützt.

Und ich? Was passiert mit mir, wenn ich mich nicht auf den Winter vorbereite? Muss ich mich schützen, wenn ich durch den unbeleuchteten Park laufe spät abends? Was ist mit meiner Stimmung? Lauert die nächste Depression hinter dem Schatten des Herbstes? Jagen der Schnupfen und die Erkältung mir nach, wenn ich keine Jacke anziehe? Gebe ich meinem Verlangen nach und ziehe mich vor den Menschen zurück? Schlafe ich mehr als sonst?

Noch bin ich nicht tief gefallen, in die sonst jährliche Herbst- Winterdepression. Kein Schnupfen, keine Erkältung, keine nächtlichen Krisensituationen. Doch in mir spüre ich, wie ich eigentlich darauf warte.

Ich frage mich warum. Warum rechne ich mit den Katastrophen? Ich habe in den letzten fast anderthalb Jahren viel udn intensiv an mir gearbeitet. Wäre es nun nicht an der Reihe, das Gute zu erwarten?

Es erfüllt mich mit Dankbarkeit, dass es grad ganz gut läuft mit dem Aufstehen, dem Duschen und der Stimmung. Es ist wie ein Lohn für meine Arbeit. Und auch ein Geschenk von Gott.

Ich beschließe, das Gute zu erwarten. Und die Angst vor der Dunkelheit loszulassen.

Die vergangenen Jahre waren geprägt von Depression und Dunkelheit. Es ist mir bekannt. Ich hab mich „eingerichtet“ damit. Es loszulassen fällt mir schwer. Denn das Neue, ein Leben ohne seelischem Mühlenstein und Depression – es ist unbekannt für mich. Ich weiß nicht, was kommt. Wie es läuft und wohin es führt. Doch ich will raus aus den alten Mustern und rein in ein neues Leben.

Also fälle ich die Entscheidung.

Und warte gespannt, was die Tage bringen.

R.I.P. – wenn Freunde sterben

In den letzten Monaten und Jahren habe ich viele Freunde an die Ewigkeit „verloren“. Krankheit, Suizid, Alter – viele Art und Weisen, die das Leben beendet haben. Es schmerzt. Ich bin nun 30 Jahre alt und frage mich oft, wieso ich von Menschen umgeben bin, die dem Tod manchmal näher stehen als dem Leben.

Vergangenen Mittwoch hat sich meine Freundin Be das Leben genommen. Mit einem Medikamentencocktail und einer Überdosis Lithium.
Be und ich haben uns in einer Klinik kennengelernt und angefreundet. In den letzten Wochen ging es ihr schlecht und wir haben täglich – manchmal mehrfach – telefoniert.

Doch ich konnte ihr nicht helfen. Und ich habe nicht interveniert, trotz dass ich von ihren Suizidgedanken und -plänen wusste.
Das bedeutet, dass mich ganz klar auch eine Schuld trifft.

Diese Erkenntnis ist schwer zu ertragen. Auszuhalten.

Und ich werde wohl noch viel Zeit brauchen, um an den Punkt zu kommen, mich dafür nicht zu zerfleischen.

Mein Leben steht Kopf. Wie geht ich mit dieser Schuld um? Was mach ich mit dieser entsetzlichen Wut in mir drin? Gestehe ich Be dennoch auch diese Entscheidung zu, ihr Leben beendet zu haben? Kann ich es verstehen, nachvollziehen und trotzdem falsch finden? Was sagt Gott dazu?

Was denkt Gott überhaupt über Suizid? Todsünde? Unrecht? Freier Wille?

Meine Gedanken überschwemmen mich. Meine Augen fließen über. Mein Herz sticht vor Schmerz, Angst und Trauer.

Der alte Adam, die alte Eva…

Vor vielen Jahren spielte und sang ich in einem Musical mit, bei dem wir an einer Stelle einen Gottesdienst mit Gospelchor spielten. Der Bruder des Chorleiters spielte den Pastor und predigte. Es war der „Evangelisationsteil“ des Musicals. In einer der Predigten des Stückes sagte Matthias „Der alte Adam ist ersäuft. Doch vorsicht, er schwimmt noch an der Oberfläche!“. Der Name Adam wird auch häufig als Synonym für den Menschen gebraucht.

Nun, in meinem letzten Beitrag schrieb ich über Manipulation. Und darüber, dass ich mich gegen die Manipulation entschieden hatte. Tja. Es ging ein paar Tage ganz gut, doch dann kippte es wieder.

Vor ein paar Tagen lief mein Tag nicht gut. Beim Buseinsteigen gestolpert und auf der Nase gelandet, beim Arzt im Wartezimmer die Hose gerissen, Joghurtbecher im Rucksack explodiert, in einen Hundehaufen gesetzt, meine Bankkarte wurde vom Automaten gefressen, … Ein Tag voller Wahnsinn und Extreme für mich.
In mir türmten sich Anspannung, Wut, Selbstmitleid und die Sehnsucht danach, gesehen zu werden und Hilfe zu bekommen. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht mehr wusste, wohin ich wie gehen sollte. Ich wollte niemanden mehr manipulieren und niemanden mehr belügen. Doch dieses Loch in mir, die verletzte Seele in mir, schrie danach, gesehen zu werden.
Dieses Kämpfen gegen das Loch, das Kämpfen gegen die Vergangenheit, das Suchen nach einem neuen, ehrlichen, aufrichtigen Weg – ich wollte nicht mehr.

Als ich nun abends nach Hause kam, buk ich noch einen Geburtstagskuchen für meinen Mitbewohner. Er gelang glücklicherweise. Doch da ich so frustriert war, kippte ich mir ne Flasche Rotwein hinter die Binden. Dann hab ich eine Erinnerungslücke.
Offensichtlich hab ich mich angezogen und bin laufen gegangen. Irgendwann muss ich dann zusammengeklappt sein und Passanten haben mich aufgelesen… jedenfalls wurde ich auf der Instensivstation wach und hatte überall Kabel und Schläuche an und in meinem Körper.
Es ging mir nicht gut. Ich schämte mich und wollte nach Hause. Doch nun im Nachhinein sehe ich auch, dass ich es genoss, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Es beschämt mich heute sehr, dass ich wieder alles und jeden manipuliert und instrumentalisiert habe, um mein Loch zu stopfen.

Als ich am nächsten Tag dann nach Hause durfte, hatte ich noch Buchladendienst, den ich auch wahrnahm. Danach bin ich nach Hause gefahren und sollte noch zu meiner Hausärztin. Doch bevor ich zu ihr ging, saß ich zuhause in meinem Zimmer und spürte wieder den Sog in mir. Ich wollte Zuwendung. Hilfe. Anleitung. Und plötzlich spürte ich Hass. Auf mich. Und griff zur Rasierklinge.

Bei meiner Hausärztin wollte ich die Schnittwunden eigentlich nicht zeigen, doch die Wunden am Unterschenkel bluteten plötzlich so stark, dass ich eine Blutspur hinterließ… Meine Hausärztin wollte mich in die Psychiatrie schicken, da ich bei ihr im Behandlungszimmer eine Art psychischen Zusammenbruchs hatte. Nein, das wollte ich nicht. Und ich konnte einen Handel mit ihr ausmachen: ich melde mich Montag bei ihr. Dennoch musste ich ins Krankenhaus um genäht zu werden.

Dort stellte mich die diensthabende Ärztin vor die Wahl: entweder ich stelle mich freiwillig sofort in der Psychiatrie vor, oder sie lässt mich zwangseinweisen.

Die erste Variante war mir deutlich lieber und so lies mich die Ärztin mit nem Krankentransport nach Homburg in die Psychiatrie bringen. Dort angekommen, brachte man mich auf die Geschlossene.

Schock.

Ich wollte nicht hier bleiben. Oder doch?

Als ich so da saß, verspürte ich den innigen Wunsch, hier bleiben zu dürfen. In der Psychiatrie. Hier könnte ich schlafen, schlafen, schlafen. Müsste nicht kämpfen. Bekäme Zuwendung. Es wäre für alles gesorgt. Etc.

Doch wäre es effektiv?

Nein, es wäre ein Rückschritt in alte Muster. Also entschied ich mich dagegen und kämpfte dafür, dass ich wieder gehen durfte. Was mir schließlich auch gelang.

Den Tag danach hatte ich eine Ergostunde. Frau S. nahm mich ziemlich hart ran. Sie war streng und kaltschnäuzig. Doch sie half mir, das Geschehen der letzten Tage realistisch zu sehen.

Trotz allem und trotz allen Entscheidungen weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie ich den ganzen Müll nun bearbeiten soll. Klar, ich habe Entscheidungen getroffen, nicht mehr zu manipulieren und zu lügen und so weiter. Doch das Umsetzen in den Alltag, das ist schwer. Was tu ich, wenn Selbsthass mich erfasst und durchrüttelt? Was mach ich, wenn die Sehnsucht nach Zuwendung mich übermannt? Was, wenn? Was, falls?

So viele Fragen. Und ich fühle mich alleingelassen. Obwohl ich das nicht bin. Meine Freunde, Therapeutinnen und Mitmenschen unterstützen mich. Helfen mir. Gehen mit mir. Doch sie übernehmen nicht mehr meine Aufgaben.

Und das muss ich lernen: meine Aufgaben zu übernehmen.

Damit die alte Eva ersäuft ist und auch nicht mehr an der Oberfläche schwimmt.

Krämpfe, Kämpfe, Kapazitäten

Ich schaue auf den Kalender und stelle fest, dass ich nun schon 1 Jahr und 14 Tage hier im Saarland lebe. Ja, ich fühle mich wohl hier. Meine Mitmenschen haben mir sehr dabei geholfen, mich zu integrieren.

Als ich darüber nachdenke, was die Therapie in diesem Jahr verändert hat in und an und mit mir, komme ich ins Grübeln. So ganz sind meine Überlegungen noch nicht abgeschlossen. Sicher: ich habe aufgehört, Alkohol zu trinken. Meine Depressionen haben nicht mehr die Oberhand. Die Angst vor Menschen ist gesunken. Und die Selbstverletzung durch ritzen oder brennen ist auch vorbei.

Doch es gibt auch hin und wieder Rückschläge, oder Erfolge, die auf sich warten lassen.

In den letzten Wochen hatte ich zahlreiche Krampfanfälle und war sehr oft im Krankenhaus. Ich habe auch die Depressionen wieder „ausgekostet“ und viel Zeit im Bett verbracht. Meine gesamte Gesundheit war sehr angeschlagen.
In diesen Zuständen habe ich mich sehr an meine Ergotherapeutin geklammert. Sie abends angerufen, am Wochenende geschrieben,…

Ich habe viel darüber nachgedacht, weshalb es mir so schlecht geht. Und ich wollte mich mit meiner Vergangenheit „entschuldigen“.

Doch als ich das in der Gruppentherapie thematisiert habe, erschloss sich mir die Wahrheit. Und sie schockierte mich.

Der Grund für die häufigen Anfälle und die noch häufigeren Dissoziationen liegt in dem einfachen Wörtchen: Manipulation.

Eine Lady aus der Gruppentherapie sagte zu mir „als ob du beweisen musst: ich will ja, aber ich kann nicht.“ Das hängt mir sehr nach.

Durch die Krampfanfälle habe ich anderen Menschen die Verantwortung für meine Gesundheit und auch für meinen Umgang zugeschoben. Ich habe sie manipuliert – speziell meine Ergotherapeutinnen – mich mit Samthandschuhen anzufassen und ja nicht hinter die Fassade zu schauen.
Und auch meine Gruppenkolleginnen habe ich manipuliert mit Gestik, Haltung, Sprache und Stimmlage.

Es schockt mich. Immer noch.
Warum?
Weil es ein uraltes Verhaltensmuster ist, von dem ich eigentlich dachte, es schon überwunden zu haben.

Früher habe ich sehr viel manipuliert. Heute verstehe ich wieso und habe es dennoch wieder getan.

Ich bin sehr sehr dankbar, dass die Gruppenmitglieder ehrlich mit mir umgehen und mir auf die Sprünge geholfen haben. Und auch, dass Gott mir geholfen hat, dran zu bleiben und Konsequenzen zu ziehen.

Für mich habe ich nun einige Therapieziele neu formuliert und mit einem Datum festgemacht, bis wohin ich dieses Ziel erreicht haben will. Auch eine schriftliche Festlegung, wie ich zukünftig mit meinen Ergotherapeutinnen und meiner Gesprächstherapeutin umgehen will, habe ich geschrieben. Es ist eine Art Vertrag mit mir selbst.

Es geht bei den Konsequenzen darum, erwachsen zu sein. Wenn es Streit gibt, nicht die Identität zu einem 5 Jährigen Mädchen zu wechseln, sondern 30 Jahre alt zu bleiben und dem Streit erwachsen ins Auge zu sehen. Natürlich habe ich noch die Freiheit, Kinderfilme bspw. zu sehen. Doch ich habe nun nicht mehr die Freiheit, nicht zu Terminen zu erscheinen oder morgens nicht aufzustehen.

Ja, es sind viele viele Schritte und es ist ein harter, steiniger Weg um Erwachsensein im Alltag einzuüben – für mich zumindest. Die kleine Ines in mir drin muss lernen, dass sie der großen Ines vertrauen kann. Sie muss es nicht nur wissen, sondern erfahren und fühlen. Das bedeutet aber auch, dass die große Ines Dinge tun muss, vor der die kleine Ines Panik hat. Zum einen, damit die kleine Ines erfahren kann, dass sie nicht ausgeliefert ist und nichts passiert. Und zum anderen, weil es der alltägliche Lebensgang erfordert, erwachsen zu sein.

Ein kleines Beispiel: die kleine Ines hat Panik vor dem Duschen. Sie hat Angst, dass jemand ins Bad kommt wenn sie nackig ist. Sie hat Angst, dass sie beobachtet wird und ausgelacht wird, weil sie sich hässlich findet. Und sie hat Angst, dass ihr jemand weh tut.

Die große Ines weiß, dass sie sicher ist im Bad. Fenster zu, Tür verschlossen, keiner zuhause. Und die große Ines weiß auch, dass sie sich im äußersten Notfall verteidigen kann. Sie hat extra dafür einen Selbstverteidigungskurs gemacht. Die große Ines mag ihren Körper auch nicht, aber sie weiß, dass duschen wichtig ist. Sonst riecht man unangenehm und führt seinen Körper auch ggf. in Krankheit.

Jeden Donnerstag um 19 Uhr ist Duschzeit im Hause Ines. Und jeden Donnerstag früh kriegt die kleine Ines schon Panik. Doch nun muss die große Ines Verantwortung übernehmen und TROTZ der Panik der kleinen Ines duschen gehen. Nur so lernt die kleine Ines, dass sie sich auf die Einschätzung der erwachsenen Ines verlassen kann.

Ja, es ist nicht einfach. Vor allem, weil ich mich noch oft genug von der kleinen Ines bestimmen lasse. Doch nun, da ich das Thema Manipulation erkannt habe und aktiv angehe, bin ich mir sicher, dass nach und nach die kleine und die erwachsene Ines Freunde und vielleicht sogar ja irgendwann einmal eine Einheit werden.

Die Hochzeit meiner Traumerfüllungen

Am 17. Juni war ich zu der Hochzeit meiner Cousine eingeladen. Sie bat mich, die Musik in der Kirche zu übernehmen, was ich gerne tat. Für die Feier habe ich noch ein Geburtstagslied vorbereitet und ein Lied fürs Brautpaar.

Als ich das Lied für das Brautpaar sang, kam mein Cousin auf mich zu und überreichte mir ein Dankeschön und ein Hab dich lieb- Geschenk in einer kleinen herzförmigen Holzschachtel. Ich öffnete das Schächtelchen und sah: Geld. Mir blieb die Spucke weg. Geld? Was? Wieso? Häää? Die Hochzeitsgäste hatten gesammelt, um ein kleines Dankeschön zu sagen für mein Engagement auf der Hochzeit. Und, um mir zu sagen, dass sie mich lieb haben und mich unterstützen: in meinem Prozess, in meiner Sparaktion für die Gitarre und in meinem Sein in der Familie.

Später zählte ich das Geld. Fast 200€. Unglaublich. Es reichte. Ich kann mir die Gitarre kaufen! Tränen über Tränen strömten über mein Gesicht. Ein Traum geht in Erfüllung.

Um das Geld nicht auszugeben, brachte ich es auf die Bank und legte es auf mein Sparkonto. Ein paar Tage später warf ich einen Blick auf das Konto und – das Geld war WEG! Panik.

Ich telefonierte hin und her und her und hin. Wo war das Geld geblieben? Tränen.

Dann fand ich heraus, dass meine Bank das Geld an meine Insolvenzverwalterin gegeben hat. Seit dem 1. März 2017 bin ich in einem privaten Insolvenzverfahren und muss alles Vermögen an meine Insolvenzverwalterin abtreten.

Das war ein Schock für mich. Daran hatte ich nicht gedacht. Ich bin wütend auf mich.

400€.

Einfach weg.

Traurig verdrücke ich mir die Tränen.

Ich telefoniere mit meiner Insolvenzverwalterin. Selbst wenn ich mir die Gitarre gekauft hätte, hätte ich sie abgeben müssen.

Das schockt mich. Und ich bin wütend. Auf mich selbst.

7 Jahre muss ich nun warten, bis ich mir die Gitarre kaufen darf, ohne sie wieder abgeben zu müssen. 7 lange Jahre.

Ich bin selbst schuld. Viele Schulden gemacht und nicht gut mit Geld umgegangen. Nun muss ich die Zeche zahlen.

Das Rauchen hab ich auch wieder angefangen. Doppelt versagt.

Wie gehts weiter?

Subjekt, Objekt, Prädikat – die Grammatik des Lebens

Drei Monate sind nun vergangen, seit ich den Kontakt auf Zeit abgebrochen habe. Meine Familie ist verletzt, enttäuscht und wütend. Sie sagen, dass ich die Familie für meinen Zustand, mein Kranksein verantwortlich mache. Dass ich die Unwahrheit sage und in der Therapie nicht ehrlich bin. Was zur Folge habe, dass der wahre Grund für meine Depressionen nicht ans Licht käme.

Ich denke viel darüber nach.

Nein, ich bin nicht unehrlich in der Therapie. Und nein, die Familie ist nicht an meinem Unheil schuld. Dennoch ist es einfach die Tatsache, dass für mich in der Familie vieles schief gelaufen ist. Dass meine beiden Schwestern das anders empfinden, mag daran liegen, dass sie nicht hochsensibel sind. Ich empfinde anders. Nehme anders wahr. Und somit war es mein Erleben und für mich war manches einfach schlimmer als für andere.

Das bedeutet nicht, dass ich objektiv betrachtet in einer schrecklichen Familie aufgewachsen bin. Oder meine Eltern mich schlecht behandelt hätten. Doch mein subjektives Erleben ist die Realität für meine Seele. Mein eigenes Erleben prägt, erfreut, verletzt, ermüdet, ermuntert meine Seele – unabhängig davon, wie andere Menschen das erleben oder einschätzen.

Es ist sehr schwer, anderen Menschen begreiflich zu machen, dass das Objektive nicht  mit dem Subjektiven übereinstimmt. Ja, frage ich mich gerade, MUSS es denn übereinstimmen? Und: welche Subjektivität nimmt man denn als Objektivität?

Auch wenn der Kontakt zu meinen Eltern und meiner jüngeren Schwester nun gebrochen ist, liebe ich sie nach wie vor. Ich kann verstehen, dass insbesondere meine Mutter sehr verletzt ist.
Dennoch fühle ich mich innerlich befreit. Und ich spüre: es ist jetzt gerade der richtige Weg.

Doch was ist nun das Prädikat meines Lebens?

Darüber denke ich nach.

Was 2,60€ und Zigaretten mit einer Gitarre zu tun haben

Neulich war ich mit Bernhard in Sulzbach in einem Musikfachgeschäft namens six and four. Ein wahrer Traumpalast für einen Musiker.

Natürlich sind wir auch in die Gitarrenabteilung. Große Gitarrenabteilung. Mein Herz schlug schneller und am liebsten hätte ich Saltos gemacht. Soooo viele wunderschöne, wohlklingende Gitarren. Und nicht mal so teuer.

Gitarre

Meine Auserwählte Gitarre kostet 355€, dazu noch einen Gitarrenständer und ein Kabel, dann sind wir bei ca. 400€.

Puh, 400 Öcken sind schon eine Ecke. Doch Bernhard bringt mich auf eine Idee: sparen.
Wenig motiviert schau ich ihn fragend an. Er erklärt mir, dass ich das Geld, das ich spare wenn ich nicht rauche, für die Gitarre nehmen kann.

Ah! Sofort rechne ich nach: pro Woche brauch ich 18€ Zigarettengeld. das macht pro Tag ca. 2,60€. So, 400€ sind also 154 Tage. 15 Tage hab ich schon (heute ist Tag 16!), ergibt noch 139 Tage nicht rauchen, was wiederum ungefähr 4,5 Monate sind. Das ist NICHT MAL EIN HALBES JAHR!!!

Ich bin verliebt ❤ In diese Gitarre. Natürlich stelle ich mir die Frage, ob ich noch eine Gitarre brauche. Zumal ich ja schon eine klassische Gitarre und eine Westerngitarre habe. Meine Jazzgitarre habe ich vor einigen Jahren wegen Geldmangel verkauft. Ich vermisse sie immernoch…
Doch meine Westerngitarre ist nun schon *nachrechen* 14 Jahre alt. Sie spielt noch gut, aber hat eben auch schon ihre WehWehchen. Naja und außerdem möchte ich einfach gerne mal eine neue Gitarre…

Nun gut. Noch 139 Tage durchhalten. Ich freu mich drauf!

Heute ist Dienstag

Es ist wieder einmal Dienstag. Der zweite Mai. Bald habe ich Geburtstag und werde 30 Jahre alt. Eigentlich wollte ich mit Freunden hier Feiern, doch lediglich eine Person von den 13 eingeladenen hat zugesagt.

Das deprimiert mich. Davor hatte ich Angst. Etwas für mich zu organisieren und einzuladen und dann kommt keiner. Natürlich weiß ich in meinem Kopf, dass die Leute nicht abgesagt haben, weil sie mich nicht mögen. Doch irgendwie- tut es trotzdem weh.

Ich möchte mich verkriechen. Nicht nur an meinem Geburtstag, nein, auch heute. Meine Seele ist irgendwie aufgewühlt, unruhig. So viele Emotionen geben sich die Klinke in die Hand momentan. Und ich weiß nicht, wo ich hinspüren, hinschauen und hinhören soll. Einfach ignorieren?

Das habe ich jahrelang gemacht. Nun ist es an der Zeit das zu ändern. Ich möchte mich wahrnehmen und gut mit mir umgehen. Keine Selbstverletzung mehr. Kein Alkohol mehr. Keine Fressattacken mehr. Ehrlich und aufrichtig möchte ich zu mir selbst sein. Konsequent, kreativ und liebevoll. Streng, erziehend, sinnvoll. Sinnstiftend, nachhaltig und fröhlich.

Mein Leben ist traurig geworden. Ja, ich lache viel und mache Späße, doch irgendwie hat es seine Bedeutung verloren. Was macht mein Leben sinnvoll? Was macht meine Taten, Talente, Gedanken und Worte sinnvoll? Was bleibt, wenn ich gehe? Hinterlasse ich Spuren in dieser Welt?

Und was ist mit Gott? Hinterlässt er Spuren in mir? In meiner Welt?

Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Und oft frage ich mich, wozu ich die ganze Scheiße noch mitmachen soll. Die Therapie, das Aufarbeiten meiner Geschichte, Konflikte mit mir und anderen Menschen austragen, meine Unfähigkeit, den Alltag zu meisten auszuhalten. Ob nun jetzt oder in 60 Jahren – es macht für die Welt keinen großen Unterschied, ob ich da bin oder nicht. Ich habe nichts zu geben außer Chaos, Versagen und Nonsens.

Es war mein innigster Wunsch, für meinen Neffen da zu sein. Ihn zu beschützen und eine starke Schulter für ihn zu werden. Ich habe mir so sehr gewüscht, eine Vertrauensperson für ihn zu werden. Und auch für die nachfolgenden Nichten und Neffen. Doch nun? Nun habe ich nichts zu geben außer meine Abwesenheit. Mir ist klar, dass meine Nichten und Neffen ohne mich besser dran sind. Doch es zerreißt mir das Herz.

Nein, ich werde trotzdem nicht aufgeben. Ich werde weiter kämpfen und weiter gehen. Zwar sehe ich den Sinn noch nicht, aber Gott sagt in seinem Wort, dass alles einen Sinn bekommt. Darauf möchte ich vertrauen und möchte wieder näher zu Gott gehen.

Er allein ist derjenige, der den Gesamtüberblick hat und der jeden einzelnen Menschen auf dieser Erde kennt. Und er kannte auch die, die nicht mehr auf der Erde sind und die, die noch nicht auf der Erde sind. Jeden einzelnen Mensch hat Gott persönlich kreiert. Sich Gaben und Talente ausgedacht. Wesensmerkmale. Äußerlichkeiten. Sogar jedes Haar hat er einzeln gezählt.

Dieses Wissen ruft mir wieder ins Gedächtnis, warum ich wertvoll bin. Und warum jeder Mensch wertvoll ist: weil Gott sehr viel investiert hat. An Zeit, an Kreativität, an Hirnschmalz und vor allem an Freude und Liebe. Wir sind ein Teil von ihm. Ein Teil vom großen Ganzen.

Deshalb sind wir wertvoll.

Wenn die Wahrheit deine Welt zerstört

Schon lange ist es her, dass ich geschrieben habe. Es gab viel zu tun in der Therapie. Erinnerungen aus meiner Vergangenheit, die ich vergessen hatte, kam ans Licht. Grausame Erfahrungen, Erlebnisse und Situationen eröffneten sich. Manchmal weiß ich nicht, wie ich mit all dem umgehen soll. Es zerreißt mich schier innerlich.

Menschen, denen du vertraut hast. Menschen, die du eigentlich als Schutzengel an die Seite bekommen hast. Solche Menschen verraten dich. Zerstören deinen Selbstwert, deinen Glauben und deine Identität.

In meinem Herzen ist eine tiefe Trauer und ich sehne mich nach Trost. Doch ich finde ihn nicht. Wo ist dieser Gott, von dem ich immer behauptet habe, er sei MEIN Gott? Wo sind die Menschen, die versprochen haben, mich nie im Stich zu lassen? Wo bin ich?

Ich rolle mich zusammen auf meinem Fußboden. Im Bett kann ich nicht mehr liegen. Zu schwer die Erinnerungen und Gefühle, die hoch kommen.

Mir ist übel.

Was finden die Menschen nur so an Sex? Es ist eklig und an sich ein primitives Rein- Raus. Jahrelang hatte ich Sehnsucht nach Sex. Doch nun ekel ich mich davor und mir wird übel, wenn ich nur daran denke.

Zwei Männer haben mich an zwei aufeinander folgenden Tagen bedrängt. Fremde Männer. Der eine hat mich am Arm gepackt. Der andere klopfte auf meine Gitarre und fasste nach meiner Hand. Es hat mich beides gelähmt.
Strahle ich so eine Opfermentalität aus? Steht auf meiner Stirn „sprich mich an und überschreite meien Grenzen!“?

Wut packt mich.

Bis vor Kurzem kam ich nicht einmal an das Gefühl der Wut in mir drin dran. Es war unmöglich für andere, mich zu provozieren.

Doch dann hatte ich in der Ergotherapie eine Boxsession. Eine gute Bekannte und meine Therapeutin bearbeiteten mich so lange, bis ich den Boxsack kurz und klein gematscht hatte. Ich hatte so viel Wut rausgerschrieen, dass mein Hals weh tat.

Es tat gut.

Nun bin ich bereit, mich zu wehren. Wenn ich spazieren gehe und an Männergruppen vorbei muss, denke ich mir „wenn mich nur einer anspricht, schlag ich zu.“ Und ja, ich würde es machen.

Ich bin kein Opfer mehr. Ich bin kein kleines Mädchen mehr.

Ich bin eine Gewinnerin, eine Siegerin. Erwachsen und bewusst genug, um meine Grenzen klar und deutlich zu signalisieren und zu verteidigen. Ohne Rücksicht darauf zu nehmen, welchen Schaden der andere davon trägt.

Schaden? Nein, das ist kein Schaden. Es ist lediglich das, was er verdient.

Wer mich anpackt, setzt sich in die Nesseln – mit nacktem Hintern und roten Ameisen überall.