Der alte Adam, die alte Eva…

Vor vielen Jahren spielte und sang ich in einem Musical mit, bei dem wir an einer Stelle einen Gottesdienst mit Gospelchor spielten. Der Bruder des Chorleiters spielte den Pastor und predigte. Es war der „Evangelisationsteil“ des Musicals. In einer der Predigten des Stückes sagte Matthias „Der alte Adam ist ersäuft. Doch vorsicht, er schwimmt noch an der Oberfläche!“. Der Name Adam wird auch häufig als Synonym für den Menschen gebraucht.

Nun, in meinem letzten Beitrag schrieb ich über Manipulation. Und darüber, dass ich mich gegen die Manipulation entschieden hatte. Tja. Es ging ein paar Tage ganz gut, doch dann kippte es wieder.

Vor ein paar Tagen lief mein Tag nicht gut. Beim Buseinsteigen gestolpert und auf der Nase gelandet, beim Arzt im Wartezimmer die Hose gerissen, Joghurtbecher im Rucksack explodiert, in einen Hundehaufen gesetzt, meine Bankkarte wurde vom Automaten gefressen, … Ein Tag voller Wahnsinn und Extreme für mich.
In mir türmten sich Anspannung, Wut, Selbstmitleid und die Sehnsucht danach, gesehen zu werden und Hilfe zu bekommen. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht mehr wusste, wohin ich wie gehen sollte. Ich wollte niemanden mehr manipulieren und niemanden mehr belügen. Doch dieses Loch in mir, die verletzte Seele in mir, schrie danach, gesehen zu werden.
Dieses Kämpfen gegen das Loch, das Kämpfen gegen die Vergangenheit, das Suchen nach einem neuen, ehrlichen, aufrichtigen Weg – ich wollte nicht mehr.

Als ich nun abends nach Hause kam, buk ich noch einen Geburtstagskuchen für meinen Mitbewohner. Er gelang glücklicherweise. Doch da ich so frustriert war, kippte ich mir ne Flasche Rotwein hinter die Binden. Dann hab ich eine Erinnerungslücke.
Offensichtlich hab ich mich angezogen und bin laufen gegangen. Irgendwann muss ich dann zusammengeklappt sein und Passanten haben mich aufgelesen… jedenfalls wurde ich auf der Instensivstation wach und hatte überall Kabel und Schläuche an und in meinem Körper.
Es ging mir nicht gut. Ich schämte mich und wollte nach Hause. Doch nun im Nachhinein sehe ich auch, dass ich es genoss, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Es beschämt mich heute sehr, dass ich wieder alles und jeden manipuliert und instrumentalisiert habe, um mein Loch zu stopfen.

Als ich am nächsten Tag dann nach Hause durfte, hatte ich noch Buchladendienst, den ich auch wahrnahm. Danach bin ich nach Hause gefahren und sollte noch zu meiner Hausärztin. Doch bevor ich zu ihr ging, saß ich zuhause in meinem Zimmer und spürte wieder den Sog in mir. Ich wollte Zuwendung. Hilfe. Anleitung. Und plötzlich spürte ich Hass. Auf mich. Und griff zur Rasierklinge.

Bei meiner Hausärztin wollte ich die Schnittwunden eigentlich nicht zeigen, doch die Wunden am Unterschenkel bluteten plötzlich so stark, dass ich eine Blutspur hinterließ… Meine Hausärztin wollte mich in die Psychiatrie schicken, da ich bei ihr im Behandlungszimmer eine Art psychischen Zusammenbruchs hatte. Nein, das wollte ich nicht. Und ich konnte einen Handel mit ihr ausmachen: ich melde mich Montag bei ihr. Dennoch musste ich ins Krankenhaus um genäht zu werden.

Dort stellte mich die diensthabende Ärztin vor die Wahl: entweder ich stelle mich freiwillig sofort in der Psychiatrie vor, oder sie lässt mich zwangseinweisen.

Die erste Variante war mir deutlich lieber und so lies mich die Ärztin mit nem Krankentransport nach Homburg in die Psychiatrie bringen. Dort angekommen, brachte man mich auf die Geschlossene.

Schock.

Ich wollte nicht hier bleiben. Oder doch?

Als ich so da saß, verspürte ich den innigen Wunsch, hier bleiben zu dürfen. In der Psychiatrie. Hier könnte ich schlafen, schlafen, schlafen. Müsste nicht kämpfen. Bekäme Zuwendung. Es wäre für alles gesorgt. Etc.

Doch wäre es effektiv?

Nein, es wäre ein Rückschritt in alte Muster. Also entschied ich mich dagegen und kämpfte dafür, dass ich wieder gehen durfte. Was mir schließlich auch gelang.

Den Tag danach hatte ich eine Ergostunde. Frau S. nahm mich ziemlich hart ran. Sie war streng und kaltschnäuzig. Doch sie half mir, das Geschehen der letzten Tage realistisch zu sehen.

Trotz allem und trotz allen Entscheidungen weiß ich ehrlich gesagt nicht, wie ich den ganzen Müll nun bearbeiten soll. Klar, ich habe Entscheidungen getroffen, nicht mehr zu manipulieren und zu lügen und so weiter. Doch das Umsetzen in den Alltag, das ist schwer. Was tu ich, wenn Selbsthass mich erfasst und durchrüttelt? Was mach ich, wenn die Sehnsucht nach Zuwendung mich übermannt? Was, wenn? Was, falls?

So viele Fragen. Und ich fühle mich alleingelassen. Obwohl ich das nicht bin. Meine Freunde, Therapeutinnen und Mitmenschen unterstützen mich. Helfen mir. Gehen mit mir. Doch sie übernehmen nicht mehr meine Aufgaben.

Und das muss ich lernen: meine Aufgaben zu übernehmen.

Damit die alte Eva ersäuft ist und auch nicht mehr an der Oberfläche schwimmt.

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