Krämpfe, Kämpfe, Kapazitäten

Ich schaue auf den Kalender und stelle fest, dass ich nun schon 1 Jahr und 14 Tage hier im Saarland lebe. Ja, ich fühle mich wohl hier. Meine Mitmenschen haben mir sehr dabei geholfen, mich zu integrieren.

Als ich darüber nachdenke, was die Therapie in diesem Jahr verändert hat in und an und mit mir, komme ich ins Grübeln. So ganz sind meine Überlegungen noch nicht abgeschlossen. Sicher: ich habe aufgehört, Alkohol zu trinken. Meine Depressionen haben nicht mehr die Oberhand. Die Angst vor Menschen ist gesunken. Und die Selbstverletzung durch ritzen oder brennen ist auch vorbei.

Doch es gibt auch hin und wieder Rückschläge, oder Erfolge, die auf sich warten lassen.

In den letzten Wochen hatte ich zahlreiche Krampfanfälle und war sehr oft im Krankenhaus. Ich habe auch die Depressionen wieder „ausgekostet“ und viel Zeit im Bett verbracht. Meine gesamte Gesundheit war sehr angeschlagen.
In diesen Zuständen habe ich mich sehr an meine Ergotherapeutin geklammert. Sie abends angerufen, am Wochenende geschrieben,…

Ich habe viel darüber nachgedacht, weshalb es mir so schlecht geht. Und ich wollte mich mit meiner Vergangenheit „entschuldigen“.

Doch als ich das in der Gruppentherapie thematisiert habe, erschloss sich mir die Wahrheit. Und sie schockierte mich.

Der Grund für die häufigen Anfälle und die noch häufigeren Dissoziationen liegt in dem einfachen Wörtchen: Manipulation.

Eine Lady aus der Gruppentherapie sagte zu mir „als ob du beweisen musst: ich will ja, aber ich kann nicht.“ Das hängt mir sehr nach.

Durch die Krampfanfälle habe ich anderen Menschen die Verantwortung für meine Gesundheit und auch für meinen Umgang zugeschoben. Ich habe sie manipuliert – speziell meine Ergotherapeutinnen – mich mit Samthandschuhen anzufassen und ja nicht hinter die Fassade zu schauen.
Und auch meine Gruppenkolleginnen habe ich manipuliert mit Gestik, Haltung, Sprache und Stimmlage.

Es schockt mich. Immer noch.
Warum?
Weil es ein uraltes Verhaltensmuster ist, von dem ich eigentlich dachte, es schon überwunden zu haben.

Früher habe ich sehr viel manipuliert. Heute verstehe ich wieso und habe es dennoch wieder getan.

Ich bin sehr sehr dankbar, dass die Gruppenmitglieder ehrlich mit mir umgehen und mir auf die Sprünge geholfen haben. Und auch, dass Gott mir geholfen hat, dran zu bleiben und Konsequenzen zu ziehen.

Für mich habe ich nun einige Therapieziele neu formuliert und mit einem Datum festgemacht, bis wohin ich dieses Ziel erreicht haben will. Auch eine schriftliche Festlegung, wie ich zukünftig mit meinen Ergotherapeutinnen und meiner Gesprächstherapeutin umgehen will, habe ich geschrieben. Es ist eine Art Vertrag mit mir selbst.

Es geht bei den Konsequenzen darum, erwachsen zu sein. Wenn es Streit gibt, nicht die Identität zu einem 5 Jährigen Mädchen zu wechseln, sondern 30 Jahre alt zu bleiben und dem Streit erwachsen ins Auge zu sehen. Natürlich habe ich noch die Freiheit, Kinderfilme bspw. zu sehen. Doch ich habe nun nicht mehr die Freiheit, nicht zu Terminen zu erscheinen oder morgens nicht aufzustehen.

Ja, es sind viele viele Schritte und es ist ein harter, steiniger Weg um Erwachsensein im Alltag einzuüben – für mich zumindest. Die kleine Ines in mir drin muss lernen, dass sie der großen Ines vertrauen kann. Sie muss es nicht nur wissen, sondern erfahren und fühlen. Das bedeutet aber auch, dass die große Ines Dinge tun muss, vor der die kleine Ines Panik hat. Zum einen, damit die kleine Ines erfahren kann, dass sie nicht ausgeliefert ist und nichts passiert. Und zum anderen, weil es der alltägliche Lebensgang erfordert, erwachsen zu sein.

Ein kleines Beispiel: die kleine Ines hat Panik vor dem Duschen. Sie hat Angst, dass jemand ins Bad kommt wenn sie nackig ist. Sie hat Angst, dass sie beobachtet wird und ausgelacht wird, weil sie sich hässlich findet. Und sie hat Angst, dass ihr jemand weh tut.

Die große Ines weiß, dass sie sicher ist im Bad. Fenster zu, Tür verschlossen, keiner zuhause. Und die große Ines weiß auch, dass sie sich im äußersten Notfall verteidigen kann. Sie hat extra dafür einen Selbstverteidigungskurs gemacht. Die große Ines mag ihren Körper auch nicht, aber sie weiß, dass duschen wichtig ist. Sonst riecht man unangenehm und führt seinen Körper auch ggf. in Krankheit.

Jeden Donnerstag um 19 Uhr ist Duschzeit im Hause Ines. Und jeden Donnerstag früh kriegt die kleine Ines schon Panik. Doch nun muss die große Ines Verantwortung übernehmen und TROTZ der Panik der kleinen Ines duschen gehen. Nur so lernt die kleine Ines, dass sie sich auf die Einschätzung der erwachsenen Ines verlassen kann.

Ja, es ist nicht einfach. Vor allem, weil ich mich noch oft genug von der kleinen Ines bestimmen lasse. Doch nun, da ich das Thema Manipulation erkannt habe und aktiv angehe, bin ich mir sicher, dass nach und nach die kleine und die erwachsene Ines Freunde und vielleicht sogar ja irgendwann einmal eine Einheit werden.

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