Die Keilschrift meiner Seele

Es ist dunkel als ich mich an den Bettrand setze. Wieviel Uhr es wohl sein mag? Ich taste nach dem Handy, schaue auf die Zeitangabe und vergesse sie sofort wieder.

Mein linker Oberarm juckt. Als ich mich kratze, spüre ich eine Narbe. Langsam beginne ich, alle Narben auf meinem Oberarm zu zählen. 1, 2, 3, 5, 10, 25. Mist! Verzählt.

Ich mach das Licht in meinem Zimmer an und beginne erneut zu zählen. Zähle am Unterarm weiter. Rechter Oberarm, rechter Unterarm. Ich ziehe meinen Schlafanzug aus und fange an, am Bauch zu zählen. Intimbereich. Oberschenkel. Unterschenkel. Sogar an den Füßen habe ich Narben aus der Selbstverletzung.

Es sind an die 200 Narben, die sich auf meiner Haut abzeichnen. Sie sind die Keilschrift meiner Seele.

Ich ziehe den Schlafanzug wieder an.

Kurz überlege ich, ob meine Medikamente wohl ausreichen, mich ins Jenseits zu befördern. Schnell verwerfe ich diesen Gedanken wieder.

Hektisch krame ich nach meiner Rasierklinge. Auf eine 201. Narbe kommt es auch nicht mehr an. Fast schon panisch wühle ich in meinen Schubladen. Ich finde sie nicht, die Klinge.

Plötzlich halte ich inne.

Ein Lied in meinem Kopf. Es ist vor beinahe 10 Jahren entstanden. Der Text ist mir entfallen, doch der Refrain bricht langsam durch.
„Mein Herz es hüpft wenn es an dich denkt. Es weint voll Freude, jubelt über dich. Es tanzt voll Liebe, verzehrt sich nach dir. Und es liebt jeden Tag mehr.“

Ob Gott mir das wohl zusingt? Jedenfalls macht es mich innerlich ruhig und ich bin dankbar, dass die Rasierklinge spurlos verschwunden ist.

Ich staune neu, wie wichtig Gott wohl die Kleinigkeiten sind, zu denen ich zweifelsohne gehöre.

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