Die Augen des Lebens

Jutta schickt mich nach draußen, spazieren gehen.

Jutta ist mit in meinem Heimathauskreis in Hohenlohe und hat eine besondere Art, die Schönheit der Schöpfung zur Geltung zu bringen. Sie hat den Blick für das Verborgene und das Herz, es vollkommen in seiner Schönheit erblühen zu lassen. Wenn man vor ihrem Haus steht, geht einem schon das Herz auf, wenn man die stilvolle Deko vor der Haustür sieht.
Und so hat Jutta auch einen besonderen Blick für die Natur.

Vor ein paar Tagen fragt sie mich, wie es mir geht. Es ging mir nicht gut. Alles hatte einen Grauschleier, war trübe und tot. Besonders alles in meinem Herzen. So schickte Jutta mich nach draußen, spazieren gehen. Und danach sollte ich ihr erzählen, was mir begegnet ist, was ich entdeckt habe und was mir wichtig wurde. Sie machte mir Mut auf ein „Walk- Talk mit Jesus“.

Diese Aufgabe schien mir unüberwindbar und unerfüllbar. Ich hatte kaum Kraft, mir die Strümpfe anzuziehen. Doch nach 8 Stunden schaffte ich es, mich aufzumachen. Und ich ging spazieren.

Folgendes antwortete ich ihr in WhatsApp:
„Hallo Jutta! Ich komme gerade vom Spaziergang. Mir ist der Verfall und das Sterben begegnet. Laub auf den Wegen. Ein totes, verwesendes Eichhörnchen. Ein Bestatterauto…“

Eine tiefe Trauer überfiel mich und der Tod war mir wohl auch wegen der Sterbefälle in der letzten Zeit sehr nahe. Doch ein Satz von Jutta machte mich nachdenklich. Sie schrieb „waren die Blätter auf den Wegen nicht wunderschön bunt?“
Immer wieder denke ich über diese Frage nach. Ich kann sie nicht beantworten. Ich nahm nur wahr „da liegen sterbende oder gestorbene Blätter.“

Jutta forderte mich am darauffolgenden Tag auf, diesen Weg nochmal zu spazieren und meine Umgebung mit den Augen des Lebens wahrzunehmen. Ich habe es nicht geschafft, spazieren zu gehen.
Doch vergangene Nacht habe ich mich ans offene Fenster gesetzt und mich tief in ihre Gebärden sinken lassen. Vogellaute, Blätterrauschen, Igelquietschen, Katzenschleichen. Jemand hustet. Das Gebüsch raschelt. Der Wind bläst mir um die Nase. Die Sterne blitzen.

Und ich sehe meine Umgebung. Ich sehe sie mit den Augen des Lebens. Spüre sie mit der Haut des Lebens. Höre sie mit den Ohren des Lebens.

Der Verfall gehört zum Lebenskreislauf – und dennoch zeigt sich die Schöpfung stets majestätisch und wunderschön.

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2 Gedanken zu “Die Augen des Lebens

  1. schirm91 27. September 2016 / 13:35

    Der Herr ist dein Hirte. Nichts wird dir mangeln. Psalm 23,1 =)

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