Der erste Weg zur Besserung

„Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.“ So sagt ein deutsches Sprichwort.

In dieser Hinsicht ist mein Weg zur Besserung wohl ziemlich lange. Denn erkannt habe ich sehr schnell sehr vieles. Doch vom Hirn zum Handeln – das scheint eine meilenweite Reise zu sein, begleitet von Fortschritten, Rückschritten und Stellentritten.

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich damit, wieso ich so faul bin und eigentlich keinen Bock habe zu arbeiten.
Ergebnis: meine innere Einstellung ist nicht auf Arbeit eingestellt. Und statt von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt zu sein wie Marilyn Monroe, bin ich von Kopf bis Fuß auf Bequemlichkeit eingestellt.

Ich scheue mich davor, mich anzustrengen. Etwas gegen mein Gefühl zu tun.

Seit Wochen habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie man seine innere Einstellung verändert. Und ich kam nicht weiter. Ständig habe ich gehirnt und gehirnt und gehirnt. Doch verändert hat sich in meinem Leben nichts. Zumindest nicht nach vorne.
Ich habe meinen Gefühlen immer mehr Raum gegeben und habe mich selbst mit ihnen betrogen und hinters Licht geführt.

In meinem gestrigen Gespräch mit meiner Therapeutin dann, erklärte sie mir, dass es drei Anteile in uns Menschen gibt: der Verstand, der Wille und das Gefühl.
Sie zeigte mir auf, dass man die innere Einstellung ändert, indem man dem Gefühl mit dem Willen entgegentritt und sagt „ich WILL pünktlich aufstehen!“ Und der Wille wird aktiviert über den Verstand. Dadurch, dass man mit dem Verstand argumentiert und im Hier und Jetzt ist, entwickelt sich ein Wille, etwas zu verändern.
Und diesen Willen muss ich aufbauen und meinen Gefühlen damit entgegen treten.

Heute morgen hat das ganz gut funktioniert und ich bin pünktlich aufgestanden. Nun will ich täglich in allen Situationen damit arbeiten. Verstand, Willen und Gefühl punktgenau und richtig einsetzen.

Es hat mich gestern schon etwas überrascht, als meine Therapeutin sagte, ich lasse mich sehr von meinen Gefühlen leiten.
Denn eigentlich empfinde ich keine Emotionen in mir.
Nun forsche ich nach, wie Emotionen sich zeigen und sich anfühlen. Wie sie sich bei mir zeigen und sich für mich anfühlen.

Vermische ich Gefühle mit etwas und denke nur, es seien keine Gefühle?

Bericht folgt.

Advertisements

Sinnlos

Ich sitze hier im Buchladen und denke nach. Mein Leben fühlt sich aktuell wie ein Schrotthaufen an. Schulden, Insolvenz, ohne Job und dazu noch Verhaltensmuster, die ich dringend abstellen muss.

Klar, ich bin hier im Ehrenamt. Gebe PC- Kurse. Schreibe Werbetexte.

Aber in mir drin fühlt sich das nicht wie eine Einheit an. Eher sehr zerfleddert und zerrupft. In meiner Wohnung sieht es aus wie nach einem globalen Treffen der Familie Tornado. Und in meinem Kopf ist es nicht anders.

Chaos. Durcheinander.

Selbst meine Gefühle sind durcheinander. Dabei hab ich doch eigentlich keine. Oder will ich keine haben.

Ich check’s nicht mehr.

Aber ich bin 32 Jahre alt. Muss für meinen Lebensunterhalt sorgen. Endlich meine beschissene Finanzlage in den Griff kriegen.

Im Bus spreche ich ein flehendes Gebet zu Gott. Versuche, seine Antwort zu hören. Doch es ist still. Tränen steigen auf. Ich unterdrücke sie. Im Bus flennen kommt nicht so gut.

Ich warte. Auf ein Flüstern. Auf einen zarten Hauch.

Ist da noch Hoffnung in mir?

Glaube? Liebe?

Ja, irgendwie schon.

Ich habe schon andere Situationen gemeistert.

Eine Freundin sagte zu mir „du musst kein Opfer mehr sein. Jesus ist das Opfer.“

Wow, was für eine Weisheit! Und ja, sie hat Recht!

Ich muss und will und werde kein Opfer mehr sein.

Amen!

Auftauchen

Mit Schrecken habe ich gerade festgestellt, dass ich schon seit Juni nichts mehr geschrieben habe. Das liegt auch zum großen Teil daran, dass ich zuhause noch keinen Internetanschluss habe.

Wie schon angedeutet, bin ich inzwischen umgezogen: seit dem 1. Juli wohne ich wieder alleine in einer kleinen Wohnung. Wir nennen es liebevoll „Rapunzelturm“. Es ist tatsächlich märchenhaft. Nicht, weil man in den Dornröschengarten muss, um durch das Hobbittor in den Rapunzelturm zu kommen, in dem es einen Narniaschrank gibt. Nein, auch weil es mir ein Ort wurde, an dem ich aufatmen kann. Zur Ruhe kommen.
Und gleichzeitig kann ich mich in dem riesen großen Garten austoben, körperlich arbeiten, handwerklich wurschteln.

Es ist ein echtes Geschenk Gottes.

Viel ist gewesen in den letzten zwei Monaten.
Neue Wohnung. Einige Freundinnen sind ebenfalls umgezogen, sodass ich an 7 Umzugsaktionen im August beteiligt war.
Zudem habe ich meine Arbeit verloren. Nein, nicht verloren. Ich habe sie verspielt.
Durch meine innere Einstellung habe ich meine Arbeit nicht gut gemacht und wurde deshalb gekündigt.

Ein herber Schlag.

Doch dieser Schlag hat mich wach gerüttelt.

Ich danke Gott dafür! Ihm sei alle Ehre!

Flucht

Seit einiger Zeit schon spüre ich, dass ich vor etwas in mir fliehe. Gefühle, Gedanken, Wahrheiten – so etwas in der Richtung muss es sein.

Ich schiebe unangenehme Erlebnisse und Eindrücke beiseite. Will nicht darüber nachdenken wie es mir geht- geschweige denn darüber nachfühlen. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, antworte ich mit „gut“. Denn augenscheinlich geht es mir gut.
Fortschritte in der Arbeit und eine gewünschte Änderung der Wohnsituation sehen „gut“ aus.

Doch was empfinde ich dazu?

Es fällt mir schwer, eine Antwort darauf zu finden. Denn ich will  nicht hinspüren. Wovor hab ich Angst? Zusammenbruch? Rückschritt? Arbeit? Notwendigkeiten der Veränderung?

So genau weiß ich es nicht. Vielleicht sollte ich darüber nicht nachdenken, sondern nachfühlen.
Wenn ich mich hinsetze und versuche, hinzuspüren, leuchten vor meinem inneren Auge rote Alarmsirenen auf. Ein Fluchtinstinkt setzt ein. Tatsächlich spüre ich körperlich das Bedürfnis, wegzulaufen.

Ich bin erschöpft und müde von den letzten Monaten. Und oft sehne ich mich nach Nähe. Echter, ehrlicher und vertrauter Nähe. Eine Umarmung. Eine Ermutigung. Eine Einladung zum Essen oder auch einfach mal ein gemütlicher Kaffeeklatsch zuhause bei jemandem.

Meine Kontakte im Saarland sind alle toll und auch in Baden- Württemberg habe ich noch liebe Freunde. Doch in meiner Nähe, meinem Alltag – da ist niemand.
Überall sind nur „professionelle“ Beziehungen. Durch die Arbeit, den Buchladen, die Gemeinde. Es fühlt sich an, wie wenn da Menschen sind hinter einer Glasscheibe. Ich sehe sie, beobachte sie, identifiziere sie mit „Lebenspunkten“ meines aktuellen Bewegungsradius. Aber mehr ist da nicht.
Keine Verbindung zwischen den Herzen. Nichts, das Nähe schafft.

Ich fühle mich einsam. Und irgendwie sehne ich mich auch nach Beziehungen und Kontakten, die nicht therapeutisch durchsetzt sind.
Manchmal nervt es mich, immer alles korrekt und therapeutisch richtig zu analysieren. Und manchmal fühle ich mich wie ein mich selbst kontrollierenden Roboter, der alles was er tut scannt und einschätzt und Verhalten, das falsche Signale senden könnte oder Satzkonstellationen, die missverständlich sein können sofort eliminiert.

Ja, ich lerne viel wertvolles. Doch für mich stellt sich auch die Frage, wo die Grenzen sind. Sich stets zu prüfen und zu kontrollieren ist anstrengend, lästig und vernichtet die eigene Natürlichkeit. Andererseits schafft und sprengt es Grenzen, Schutz und Übergriffigkeit.

Alles hat zwei Seiten – mindestens. Was ist das Ziel bei zwei Seiten? Das Leben auf der Seite, die uns vernünftiger erscheint? Oder plausibler? Oder gesellschaftlich korrekter? Akzeptabler? Einfacher?
Oder ein Gleichgewicht? Ein Balanceakt auf der schmalen Kante der Lebensmünze?

So richtig weiß ich es nicht.

Was fühle ich dazu?

Ich weiß es nicht.

Ich denke viel und auch gerne. In der Regel denke ich auch schnell und umfassend. Doch diese Frage bereitet mir Kopfzerbrechen.

Vielleicht kann ich sie auch nicht intellektuell beantworten, sondern muss sie erfahren. Ausprobieren. Testen.

Aktuelle News

In der nächsten Zeit steht vieles an. Viele erfreuliche Dinge, viel Neues und Aufregendes, viel Anstrengendes.

In zwei Wochen bin ich beruflich in Bochum und werde eine Fortbildung genießen. Da freu ich mich drauf, obwohl ich schon ein bisschen Angst habe. Werde ich einen guten Eindruck hinterlassen? Komme ich intellektuell mit? Wie sind die Kolleginnen und Kollegen dort? Wird es Situationen geben, die mich in innere Konflikte bringen?

Auch der Weg hin und zurück ist für mich aufregend. Mit dem Zug werde ich fahren. Das werde ich genießen.

Kurz nach der Fortbildung werde ich umziehen. In eine eigene kleine Wohnung mit einem riiiiiiieeeeeeeeeeeßigen Garten außen rum. Es ist eine kleine Dachgeschosswohnung und wird wegen ihrer Lage auch „Rapunzelzimmer“ genannt. Ob da wohl dann auch der verschnarchte Prinz mit seinem lahmen Gaul endlich vorbei kommt? Hoffen wir mal das Beste!

Dann im Juli werde ich im Rahmen meiner Buchladentätgkeit in Frankreich auf einem christlichen Festival in Frankreich mit dabei sein. Mit’Him heißt es und ist recht bekannt. Ich bin mal echt gespannt!

Dann stehen noch die Sanitäterausbildung, der Arabischkurs, der PC- Kurs den ich gebe, usw an.

Viel zu tun. Viel vorzubereiten.

Aber jetzt gerade schau ich positiv in die Zukunft und freue mich drauf.

Wenn man sich selbst für besser hält…

Seit geraumer Zeit steht in meinem inneren Prozess die Manipulation und die Täuschung im Raum. Manipulation und Täuschung von anderen und auch von mir selbst.
Ich war davon überzeugt, die Sache gut zu machen und sowohl die Manipulation, als auch die Täuschung immer weiter im Griff zu haben.

Nunja, während der letzten 3 oder 4 Wochen wurde ich eines besseren belehrt. Nichts hab ich im Griff. Ich stehe nicht pünktlich auf, betrachte Lebenssituationen einseitig, denke, lebe und handel schwarz- weiß und gehe auch so mit anderen um.

Bumm.

Es frustriert mich. Bin ich einfach zu blöd dafür?

Offensichtlich.

Werde ich es jemals im Griff haben?

Offensichtlich nicht.

Ich habe Angst, dass meine Ergotherapeutin den Bettel hinschmeißt und mich aufgibt. Kommende Woche werde ich sie danach fragen.

Die Angst, verlasse zu werden begleitet mich.
Die Angst, andere so schlecht zu behandeln, dass sie daran zerbrechen… erdrückt mich schier.
Die Angst, anderen weh zu tun, sie zu triggern, sie zu demütigen und zu erniedrigen – nimmt mir oft die Luft zum Atmen.

Aber diese Ängste führen bei mir nicht nachhaltig zur Veränderung meines Denkens und Verhaltens. Ich gehe weiter mit Menschen um, wie mit einem ausgetretenen Turnschuh.

Es frustriert mich.

Es ärgert mich.

Es ängstigt mich.

Was, wenn ich mich nicht änder? Ich soll doch meinen Nächsten wie mich selbst lieben.
Will ich überhaupt die Energie aufbringen, mich zu verändern?
Welchen Gewinn habe ich, so zu sein wie ich bin?
Wo kommt das her?

Was brauche ich, um mich zu verändern? Nachhaltig zu verändern?
Wie schaffe ich es, den Weg zu gehen?

Seufzend packe ich mein Bündel und mache mich neu auf den Weg. Schritt für Schritt, Stein für Stein.

Dem Ziel entgegen.

Jesus.

 

 

Der Kampf um mein neues Leben

Seit einer Woche habe ich nun eine neue Arbeit. Als ich die Zusage bekommen habe, hab ich mich gefreut wie bekloppt. Und kurz darauf: Rückfall. Alkohol, Selbstverletzung, Herzrhythmusstörungen. Krankenhaus. Ein ganzes Wochenende.

Eigentlich möchte ich in die Klinik. Psychiatrie. Mich bemitleiden, versorgen und betütteln lassen. Arm dran sein und der Welt zeigen, dass ich ja Veränderung aus meinem alten Leben heraus will, aber nicht kann. Dass ich viel zu instabil und schwach bin, für mich zu sorgen und Verantwortung für mein Leben zu tragen.

Es kämpft in mir.

Gedanken an Aufgeben, an Selbstmord, an Fallenlassen quälen mich. Gefühle der Angst und Zerrissenheit und Panik überfallen mich.

Die alte Masche meines alten Ichs.

Weit und breit keinen Therapietermin.

Ich dreh am Rad, zieh ich zurück, suhle mich im Selbstmitleid und in meinem alten Ich.

Doch irgendwann treffe ich die Entscheidung, nach vorne zu gehen. Arbeiten zu gehen, Ratte in Schacht zu halten, das bisher erarbeitete nicht zu annullieren.

Also stehe ich jeden Tag auf und gehe zur Arbeit.

Nein, es ist nicht plötzlich einfach und schön und rosarot mit Glitzerstaub. Ich bin schließlich kein Einhorn.
Es ist anstrengend und gemein und schwer und lästig. Hinzu kommen eine Sehnenscheidenentzündung, Finanzkrise und Nervenentzündungen. Freunde, die meinen Geburtstag vergessen haben. Und außerdem ist es irgendwie halt grad ätzend.

Aber ich gebe nicht auf!

Stück für Stück werde ich mir das neue Leben erobern.

Gott, Freunde und Therapeuten stehen an meiner Seite und ich bin nicht allein. Sie geben mir Tritte in den Hintern, ermahnen mich und ermutigen mich.

In der Bibel steht in Römer 8, 31-39

„31Was kann man dazu noch sagen? Wenn Gott für uns ist, wer kann dann gegen uns sein?
32 Gott hat sogar seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle dem Tod ausgeliefert. Sollte er uns da noch etwas vorenthalten?
33 Wer könnte es wagen, die von Gott Auserwählten anzuklagen? Niemand, denn Gott selbst spricht sie von aller Schuld frei.
34 Wer wollte es wagen, sie zu verurteilen? Keiner, denn Jesus Christus ist für sie gestorben, ja, mehr noch: Er ist vom Tod auferweckt worden und hat seinen Platz an Gottes rechter Seite eingenommen. Dort tritt er jetzt vor Gott für uns ein.
35 Was also könnte uns von Christus und seiner Liebe trennen? Leiden und Angst vielleicht? Verfolgung? Hunger? Armut? Gefahr oder gewaltsamer Tod?
36 Man geht wirklich mit uns um, wie es schon in der Heiligen Schrift beschrieben wird: »Weil wir zu dir, Herr, gehören, werden wir überall verfolgt und getötet – wie Schafe werden wir geschlachtet!«
37 Aber dennoch: Mitten im Leid triumphieren wir über all dies durch Christus, der uns so geliebt hat.
38 Denn ich bin ganz sicher: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch irgendwelche Gewalten,
39 weder Hohes noch Tiefes oder sonst irgendetwas auf der Welt können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, schenkt.“

Als ich diesen Brief in meiner Bibe lese, wird mir wieder bewusst, dass ich WIRKLICH nicht alleine bin.

Amen!

Der Stand des Faulpelzes in Gottes Reich

Zur Zeit arbeite ich hart in der Therapie. An mir. An der bequemen und faulen Ines. Ich habe ihr einen anderen Namen gegeben. Ich habe sie Ratte genannt.

Viele Alltagsnotwendigkeiten erledige ich nicht, weil ich schlichtweg zu faul bin. Müll rausbringen, pünktlich aufstehen, Hausaufgaben machen, mich mit mir auseinandersetzen, putzen, Termine einhalten, duschen, Aufgaben erfüllen, kochen, gut mit Geld umgehen,… undsoweiterundsofort.

Mal faul zu sein, ist nichts schlimmes. Aber es kommt – wie so oft – auf das Maß an. Und auch darauf, wann ich mir die Faulheit „gönne“ oder ob sich die Faulheit die Herrschaft in meinem Leben „gönnt“. Heute bin ich nicht in den Gottesdienst, weil ich zu faul war, mich zu waschen und anzuziehen. Stattdessen lag ich bis 15h im Bett. Nachdem die Katze eine Weile auf mir rumgeturnt ist und meine Blase etwas genörgelt hat, hab ich mich aus dem Bett gewuchtet.
Ich hab es nicht mal genossen, im Bett zu liegen. Weil ich genau wusste, dass es eine falsche Entscheidung war: dem Gottesdienst fernbleiben und meiner Faulheit freie Hand zu lassen.

In der Ergo habe ich schon zwei Mal gegen Ratte geboxt (am Boxsack). Frau S. ist in die Rolle von Ratte und ich war ich. Beim zweiten Boxtermin kam vieles aus mir raus und ich war fest entschlossen, Ratte nie wieder Raum zu geben in mir und meinem Leben. Natürlich bin damit grandios gescheitert. Die ersten Tage gingen ganz ok, doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass in so vielen kleinen Augenblicken ein Kampf ansteht gegen die Faulheit.

Schon wenn ich morgens aufstehe, geht es los damit, Ratte in Schacht zu halten und ihr keinen Raum zu geben. Dann im Bad: Dusche oder Waschlappen? Shampoo oder Bürste? Dann vorm Kleiderschrank: Gammelshirt oder ordentlich? Jeans oder Jogginghose? In der Küche: Bibel oder Kreuzworträtsel? Nichtstun oder Frühstück? Hunger oder Vesper für den Tag? Müll in den Keller oder überquellen lassen und andere diese Aufgabe erledigen lassen? Außer Haus: Bus oder Zug? 20 Minuten zu Fuß oder 5 Minuten? Coffee to go oder Busfahrkarte? Eiskugel und schwarzfahren oder warmes Wasser aus der Wasserflasche und ehrlich sein?
Und ich bin noch nicht mal bei der Hälfte des Tages angekommen…

Nachdem ich heute Nachmittag aus dem Bett gefallen bin, sitze ich in der Küche und lese in dem Buch „Sprüche“ in der Bibel. Mein Augenmerk fällt auf einen Vers, in dem steht „Faulheit macht schläfrig und wer träge ist, muss hungern.“ (Sprüche 19, 15)

Autsch.

Ich habe heute bis in den Nachmittag hinein geschlafen. Und habe seit einer Woche kein Geld mehr, was natürlich auch auf meine Nahrungsmittelzufuhr Auswirkungen hat. (Ich muss nicht wirklich hungern, aber ich kann nicht für mich selbst sorgen, sondern bin auf die Hilfe von anderen angewiesen).

Mein Interesse ist geweckt: Was denkt Gott über den Faulpelz?
Ich forsche weiter.

Es gibt viele Stellen in der Bibel, die sich über Faulheit, Trägheit, Müßiggang, etc auslassen. Es erschreckt mich. Und öffnet mir die Augen: Ich habe keinen guten Stand bei Gott mit meiner Faulheit.

Ich forsche weiter in der französischen, englischen und italienischen Bibel, in verschiedenen Übersetzungen.

Gott hat mich gepackt. Erwischt. Entlarvt. Ich werde etwas ändern müssen. Ich will etwas ändern.
Doch ohne Gott schaffe ich es nicht. Er muss mir helfen, konsequent zu bleiben.

Bitte hilf mir, Ewiger. Hab Gnade und Erbarmen mit mir. Fordere mich und forme mich. Lehre mich Demut und Fleiß. Mach mich zu einer Frau nach deinem Herzen, damit mein Herz im selben Takt schlägt wie deines.

Ich mache mich wieder auf. Gestärkt durch Gottes Ermahnung.

Die größte aller Aufgaben

Jeder Mensch, insbesondere jede Frau, kennt das Auf und Ab der Gefühle. Hin und Her der Gedanken. Vor und Zurück des Wollens und Vollbringens.

Auch ich erlebe diese Tage die ganze Dimension des Gefühlskarussells. Auf und ab, hin und her, vor und zurück.

Eigentlich geht es mir doch gut. Wieso nur spüre ich so einen emotionalen Shitstorm in mir? Übertragen andere Menschen um mich herum ihre Wut und ihre Agression auf mich oder ist sie in mir drin? Wie gehe ich damit um?

Es gibt vieles, für das ich momentan dankbar sein kann. Ein gutes und schönes Zuhause, ein Vorwärtskommen in der Therapie, Gebrauchtwerden im Buchladen, die Katze zuhause, ein Vorstellungsgespräch für eine Stelle, die mich sehr sehr sehr interessiert, Sonnenschein, Kaffee, und so weiter.

Doch in mir spüre ich, dass irgend etwas nicht stimmt.

Meine Familiensituation beschäftigt mich. Meine Mutter hatte vor ein paar Tagen Geburtstag. In wenigen Tagen hat meine Nichte ihren ersten Geburtstag. Ich vermisse meinen Neffen Paul.

Es fühlt sich wie Versagen an, dass ich keinen Kontakt mehr zu Paul habe. Ich wollte immer eine Tante sein, die für ihn da ist. Die ihn erleben und spüren lässt, dass er bedingungslos geliebt ist. Ich wollte eine Tante sein, zu der er Vertrauen hat und auf die er sich verlassen kann und zu der er immer kommen kann.

Und nun? Wenn ich reflektiere, dann sehe ich, dass nichts von all dem eingetreten ist. Es macht mich traurig. Tränen kullern mir über die Wange. Und unweigerlich frage ich mich, ob ich etwas in ihm kaputt gemacht habe, indem ich einfach weggegangen bin. Aber im Gegensatz weiß ich auch, dass meine Abwesenheit ihn wahrscheinlich besser schützt wie mein Dasein.

Mein Gebet ist, dass er in dem tiefen Vertrauen und der Gewissheit aufwachsen darf, geliebt und wertvoll zu sein – egal was seine Eltern, seine Großeltern, seine Geschwister, seine Cousinen und Cousins und seine Tanten und Onkel tun oder lassen oder sagen oder nicht sagen. Ich bete für ihn – mehr kann ich momentan nicht tun.

Und doch scheint es mir so viel mehr zu sein, als wenn ich bei ihm wäre.

Diese Großzügigkeit Gottes, Menschen in seinen Segen zu hüllen – wie groß ist es, dass es nicht von meiner Nähe oder Distanz zu meinem Neffen abhängig ist. Ich weiß, dass Gott bei Paul ist.

Diese doch irgendwie überraschende Erkenntnis macht mein Herz ein wenig ruhiger und ich freue mich, dass ich zu der wichtigsten Sache in Pauls Leben beitragen kann: Gottes Wege zu gehen und Gottes Liebe und Geborgenheit zu erfahren.

Welche Aufgabe könnte wichtiger und größer sein, als seine Geliebten und Ungeliebten vor den Thron Gottes zu bringen?

Im Gottesdienst gestern ging es u.a. darum, füreinander im Gebet einzustehen. Sich gegenseitig vor Gottes Thron zu bringen. Und gerade in schwierigen Zeiten zusammen zu rücken und gemeinsam im Gebet und durch Gebet das Leben zu durchkämpfen.

Ich denke darüber nach, wieso ich so mundfaul gegenüber Gott bin? Wieso ist es so schwer für mich, mich mit ihm zu unterhalten. Laut. Nicht nur in Gedanken.
Nun, es hängt damit zusammen, dass ich irgendwann gelernt habe, nicht mehr laut meine Gedanken zu äußern. Insbesondere meinem Stiefvater oder Männern gegenüber. Ich lerne in Gedanken zu formulieren und zu sagen, was richtig ist. Das habe ich dann ausgeweitet auf meine Mutter, meine Geschwister, meine gesamte Familie. Und auch auf Gott.
Aus Angst, die andere Meinung zu hören.

Im Kopf ist mir klar, dass ich bei Gott keine Angst haben brauche. Ich weiß ja, dass er es besser weiß. Doch darum geht es nicht. Bei Gott darf ich sagen was ich denke – und wenn ich es mit ehrlichem Herzen tu und nicht nur fromme Floskeln und Phrasen schwing, dann entsteht ein Dialog, in dem Gott mich ernst nimmt.

In der Bibel gibt es immer wieder Situationen der Israeliten, in denen sie vor einem Krieg mit einem anderen Volk stehen. Ab und an sagt Gott „kämpft nicht! Die Lobpreiser, die Musik mir zur Ehren machen, sollen vor dem Heer dem Feind entgegen gehen.“ Und in jeder einzelnen Situation siegten die Israeliten über das andere Volk.

Für die Musiker war das sicherlich kein angenehmes Gefühl, ohne militärischen Schutz einem Feind entgegen zu ziehen, das dem eigenen Volk zahlen- und kräftemäßig bei weitem überlegen war. Doch nur dadurch, dass sie Vertrauen zu Gott lebten, an die Front gingen und Musik zu Gottes Ehre machten, erlebte das ganze Volk Israel einen Sieg.

Ich bin Musikerin. Lobpreiserin mit jeder Faser meines Herzens. Und ich möchte mich darauf einlassen, in den Kampf zu ziehen gegen die Feinde meiner Mitmenschen. Feinde wie Krankheit, Einsamkeit, finanzielle Not, Neid, Eifersucht, Hass, andere Menschen, irgendwelches Leid.

Mit Jesu Blut auf meiner Flagge gehe ich mit neuem Mut und neuem Bewusstsein in den Kampf.